Great Ocean Road für Fortgeschrittene

Ich habe jeden Steinhaufen an der Küste der Great Ocean Road gesehen und frage mich ernsthaft, wieso alle Touristen zu den 12 Apostels stürzen, während andere der gelbroten Kalksteinformationen viel imposanter sind. The Grotto zum Beispiel, oder London Bridge, ein riesiger Triumphbogen im Ozean. Bei ziemlich frischem Wind hatten wir am Donnerstag den ersten Teil der Great Ocean Road zwischen Warrnambool und Apollo Bay in Angriff genommen.
Der Tag am Strand von Warrnambool begann grau, aber nachdem wir uns irgendwann um 9 aus den Schlafsäcken geschält, Eierkuchen gebacken, lange gefrühstückt und noch länger die Pfanne geschrubbt hatten, sah die Welt schon freundlicher aus. Wir nahmen jeden Ausblick mit, was bedeutete, dass wir, kaum dass wir den Motor angelassen hatten, schon wieder halten mussten. Die Great Ocean Road führt wegen des reichlichen brüchigen Kalksteins nicht direkt an der Küstenlinie entlang, sodass wir bei all den Märschen zwischen Parkplatz und Aussichtspunkt einige Kilometer zurücklegten. Nicht übel ei der empfindlichen Kälte.
Zum Schluss führte uns ein Abstecher nach Cape Otway, zur südlichsten Spitze der Region, wo wir den Leuchtturm besichtigen wollten. Der war allerdings schon geschlossen und so großflächig abgeschirmt, dass wir ihn nur von ferne sehen konnten. Zudem regnete  es. Als wir unser Tagesziel, Apollo Bay erreichten, nieselte und stürmte es so sehr, dass wir unser Abendessen indoor einnahmen und beide ziemlich bedient waren ob der kalten Nacht und der nicht eben besseren Wetteraussichten für die kommenden Tage.
Den Mittwoch hatten wir noch bei milden Temperaturen vertrödelt und sagenhafte 30 Kilometer zwischen Port Fairy und Warrnambool zurückgelegt. In Port Fairy gab es Griffith Island zu umrunden, eine kleine Insel mit Leuchtturm. Den Weg dahin tauften wir spontan dead-bird-walk, angesichts der vielen toten Vögel am Wegsrand, die ein uns unerklärliches Schicksal dahin gerafft hatte. Anschließend beguckten wir jedes Lädchen in der 2.500-Einwohner-Metropole und machten Mittagspause vor einer Bäckerei, die ein ausuferndes Sortiment an Muffins zu bieten hatte. Nach langem Überlegen wählten wir Kirsch-Walnuss und Pfirsich-Passionsfrucht. Während wir so saßen und mit verklärtem Lächeln an den Muffins knabberten, fiel unser Blick af die Stellenausschreibungen im Schaufenster: Gesucht wurden zwei Mitarbeiter im Verkauf und einer in der Backstube. Wir überlegten kurz, ob wir anheuern sollten, starteten dann aber doch unseren Camper und kleckerten Richtung Osten. Nach einem Stopp in einem kleinen Nationalpark erreichten wir am Nachmittag Warrnambool – wieder einmal mit offener Heckklappe, worauf uns ein freundlicher Mitbürger an einer Ampel hinwies. Diesmal hatten wir rein gar nichts verloren, allerdings flatterte meine frisch gewaschene Unterwäsche, die ich an der Gardinenstrippe im Heck aufgehängt hatte, fröhlich im Wind.
Heute nun sind wir am Ende der Great Ocean Road angelangt und nächtigten in Torcquay. Weil wir wiederum viel Zeit für wenig Strecke hatten, ermittelten wir mithilfe des Orakels, des Autoatlas´ und Broschüren hiesiger Touristinformationen jede Sehenswürdigkeit am Wege. Wir kletterten auf einen Aussichtshügel, der einen weiten Blick über Apollo Bay und die benachbarten Buchten bot, hielten noch in paar Mal am Wegesrand und starteten am Mittag zu einem Koala-Rundweg. Tatsächlich sahen wir mindestens zwei Dutzend der Tiere, was aber recht bald seinen Reiz verlor. Die Koalas dröhnen sich mit Eukalyptusblättern zu, von denen sie high werden, und dann hängen sie bekifft in den Bäumen und schlafen den ganzen Tag.
In Lorne, einem schicki-micki-Strandstädtchen in einer ausnehmend schönen, weiten Bucht, machten wir wiederum halt, bestellten Cappuccino und heiße Schokolade und inspizierten dann den Strand. Dort fand sich ein Duschhäuschen mit warmem Wasser, und während wir die Gelegenheit nutzen, uns frisch zu machen, klarte der Himmel zusehends auf. Wir suchten uns ein Plätzchen in der Sonne, wo es schlagartig warm genug für kurze Ärmel und Flip Flops geworden war, und saugten das unerwartet schöne Wetter auf. Das Meer leuchtete türkis und opal und petrolblau ganz draußen am Horizont, der weit, weit entfernt schien, weil sich am Himmel tief hängende weißgraue Wolken stapelten. Dann ging es weiter, die letzten Kilometer auf der Great Ocean Road, die sich in diesem Abschnitt unmittelbar an der Küste an zahllosen Buchten mit weiten, menschenleeren Stränden entlang windet. Noch ein Leuchtturm in Aireys Inlet, nach wie vor bei Sonnenschein, dann hatten wir Torcquay erreicht. Hier regnet es zur Abwechslung mal wieder, und wir haben langsam den Eindruck, dass in dieser Woche der gesamte Jahresniederschlag der Südostküste niedergeht. Ab morgen sind steigende Temperaturen gemeldet, und ich sehe mich schon bei schönstem Sonnenschein aus Melbourne abfliegen…

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