In Flip Flops unterm Weihnachtsbaum

Während Robin öfter mal eine ruhige Kugel schiebt, habe ich wie immer Hummeln im Hintern und streune durch die Stadt. Der Jetlag ist inzwischen so gut wie Geschichte, sodass ich wieder aufnahmefähig bin.
Allein unterwegs, kann ich hervorragend in der Luft herumgucken, Fotos schießen und überall stehen und sitzen bleiben, um Leute zu gucken. Das habe ich heute ausführlich getan, bin einmal quer durch die Innenstadt, dann zu jeder Pflanze im Botanischen Garten, vorbei am Opernhaus und von Warft 5 mit der Fähre unter der Harbour Bridge hindurch nach Darling Harbour. Schräg ist, dass die Australier sich im anbrechenden Sommer langsam auf Weihnachten vorbereiten. Eigentlich hatte ich die Hoffnung gehabt, mit meiner rechtzeitigen Abreise zum anderen Ende der Welt dem verfrühten Dekorationswahn zu entgehen. Umsonst allerdings, denn auch hier haben die Geschäfte das volle Programm mit Kunsttannen, Kugeln, Kerzen etc. aufgefahren. Durch diese Weihnachtskulisse bummelt man ärmellos und in Flip Flops. Seit gestern herrscht schönstes Stadterkundungswetter bei milden, aber nicht schwülen Temperaturen und meist bedecktem Himmel.
Gut, um sich einige Museen vorzunehmen, in die ich ebenfalls alleine muss, weil mein Bruder schon beim Gedanken an Kunst gähnt. Ich freue mich dafür über den freien Eintritt zur New South Wales National Galerie (die immerhin Picasso, Cezanne, Giocometti und Anselm Kiefer vorrätig hat) und zum Museum of Comtemporary Art, in dem ich heute lange die Arbeiten der jungen australischen Kunstelite inspiziert habe. Der hiesige Kunstnachwuchs hat einen angenehm schrägen Humor.
Damit ist Sydney auch schon weitgehend erkundet, und es bleibt auch nur noch ein Tag für letzte Entdeckungen. Am Dienstagvormittag geht es mit dem Camper in die Blue Mountains. Wenngleich ich mich inzwischen an die Zehn-Mann-Schlafbutze gewöhnt habe, ist die Aussicht auf ein bisschen Privatsphäre doch nicht übel. Hier im Hostel fällt irgendwann spät in der Nacht der letzte Mitbewohner ins Bett, und wenig später stehen die ersten schon wieder auf – nicht ohne entsprechende Räusper-, Wühl- und Schlurfgeräusche. Ohrstöpsel sind da die einzige Lösung. Aufstehen vor acht garantiert am nächsten Morgen eine freie Duschkabine und die Möglichkeit, sein Frühstück in der Gemeinschaftsküche im Sitzen einnehmen zu können. Kommunikation ist zu dieser Zeit noch kaum gefragt; der gemeine backpacker hat neben Cornflakes und Toast stets sein notebook stehen. Nach Einspruch von Robin muss ich diese Feststellung gleich wieder korrigieren: Der gemeine backpacker ist eigentlich auch schon am Morgen kommunikativ, und der exessive notebook-Gebrauch liegt nur darin begründet, dass das Hostel kostenfreien Internetzugang bietet. Und noch eine Besonderheit: Es gibt hier ausgesprochen viele Gäste älteren Semsters (im Sinne von grauhaarig), was komplett unüblich ist. Dafür haben wir allerdings keine schlüssige Erklärung.
Am Abend sind dann die Wo-kommst-Du-her, Wie-lange-bist-Du-schon-hier, Welche-Jobs-hattest-Du, Wo-reist-Du-als-nächstes-hin?-Fragen dran. Und was kochst Du da eigentlich? Apropos: Ich musste bisher noch keinen Finger fürs Essen rühren (oder allenfalls Hilfsarbeiten ausführen), denn Robin bekocht mich mit Pasta, Spätzle und Veggie-Reis. Tatsächlich landestypische Speisen konnte ich neben dem allgegenwärtigen fastfood bisher noch nicht ausmachen, wenngleich ich irgendwann noch todesmutig Croissant mit Schinken-Rührei kosten möchte – eine Kombination, die mir extrem abenteuerlich scheint. Sofern ich den Text schadlos überstehe, berichte ich vom Ergebnis.

Yvonne

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Jana November 5, 2008 um 21:26

Liebe Yvonne,
es ist da – das Plätzchenheft! Aus den Seiten entsteigen Zimtschwaden und Lebkuchendüfte.
Grüße in die Sommersonne von
Jana

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