Lost and found

Wir haben unseren Campingkocher verloren. Kaum, dass er einen Namen bekommen hatte (Coleman), war er auch schon verschwunden. Wir bemerkten es, als wir heute abend kochen wollten. Das Fach, in dem Coleman normalerweise steht, war leer. Wir stierten eine Weile hinein – was an der Situation nichts änderte – prüften dann die anderen Fächer und stellten anschließend den gesamten Camper auf den Kopf. Als auch das erfolglos geblieben war, stierten wir noch einmal ins leere Küchenfach und suchten nach Erklärungen. Colemann ist vergleichsweise groß und kann sich schlecht irgendwo verstecken. Diebstahl schied auch aus, weil das Auto unversehrt war, und es  wertvollere Gegenstände zum klauen gegeben hätte, als ausgerechnet einen Gaskocher. Einziger Anhaltspunkt war ein heftiges metallisches Scheppern, das wir beide heute morgen bei der Abfahrt von unserem Nachtrastplatz am Lake Jindabyne gehört hatten. Allerdings hatten wir uns nur angeschaut und mit den Schultern gezuckt, weil es in unserem mobilen Haus öfter mal scheppert. Als Erklärung blieb nun also: Wir hatten die Heckklappe des Campers nicht sorgfältig geschlossen, Coleman war ins Rutschen geraten und während der Fahrt aus dem Auto gefallen. Wir freundeten uns also schon einmal mit dem Gedanken an, einen neuen Gaskocher anzuschaffen (100 Dollar) und stießen mit einem Bier auf Colemann an: May he rest in peace. Wir saßen am selben Seeufer wie am Vortag bei unserem kalten und ziemlich drögen Abendessen, als ein Motorboot anlegte, dem ein älterer Herr entstieg. Er kam auf uns zu, und in der Hand hatte er – Coleman. Unser Gaskocherretter war heute morgen schon zum Angeln da gewesen. Er hatte Coleman in den Staub fallen sehen, ihn mitgenommen und war heute Abend extra noch einmal vorbei gekommen. Nach vielen „Thank you so much!“ und „You are very much welcome!“ stießen wir noch einmal an, diesmal auf die Heimkehr von Coleman. Er hatte ein paar Dellen abbekommen, sollte uns aber morgen früh zur Feier des Tages Eierkuchen kochen.
Dass wir überhaupt noch einmal am Lake Jindabyne nächtigten, war nicht geplant. Eigentlich wollten wir schon auf dem Weg Richtung Küste sein, hatten uns aber nach einer anstregenden Wandertour durch die Snowy Mountains entschieden, keine längere Strecke mehr zurückzulegen. Von Jindabyne am Fuße der Snowys aus waren wir heute Vormittag auf den etwa 1.800 Meter hohen Charlotte Pass hinauf gefahren. Von dort brachen wir zu einem Rundweg inklusive Besteigung des Mt. Kosciuszco, dem höchsten Berg Australiens (2.228m) auf. (Wir haben nicht herausbekommen, wieso die Australier ihren höchsten Berg nach einem polnischen Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs benannten.)  War der Aufstieg noch relativ moderat, verdient der ungleich längere Rückweg locker das Prädikat „anspruchsvoll“. Für die Anstrengung wurden wir entlohnt mit weiten Rundblicken hinein in das Herz der Snowy Mountains, hinauf zu felsig schroffen Gipfeln, hinab in türkisgrüne Gletscherseen. Hier und da hatten wir Schneefelder zu überqueren, und zum Schluss galt es, zwei Furten des Snowy River zu durchwaten. Da wir uns weitgehend oberhalb der Baumgrenze bewegten, waren die Rundblicke unverstellt und atemberaubend. Froschkonzert an den diversen Schmelzwassertümpeln inklusive. Allerdings ging der 21 Kilometer-Marsch ganz schön in die Knochen, und während die untergehende Sonne am Lake Jindabyne ein 360-Grad-Wolkenpanorama in unterschiedlichen Gelb- und Rottönen zaubert, fallen mir auch schon die Augen zu.
Gestern waren wir noch größtenteils motorisiert unterwegs gewesen. Wir hatten Canberra verlassen, auf dem Weg Richtung Süden das Canberra Deep Space Communication Centre (eines von drei NASA-Großteleskopen zur Erforschung des Weltraums) besucht und waren schließend ein wenig offroad unterwegs (inklusive einer kleinen Flussdurchquerung), obwohl wir mit dem Camper eigentlich nur auf asphaltierten Straßen fahren dürfen. Das Auto ist jetzt ziemlich verdreckt, aber die kurvige Tour durch Hügel und Prärielandschaft war allemal lohnenswert.

{ 0 comments… add one now }

Leave a Comment