Lost in time

Wie verpeilt kann man eigentlich sein? Diese Frage stelle ich mir seit zwei Tagen ständig. Die Antwort: Es geht immer noch heftiger. Der 24-Stunden-Flug und die Zeitumstellung (immerhin zehn Stunden) haben mich in einen Zustand dauerhafter geistiger Abwesenheit versetzt. Dazu kommen die ungewohnt sommerlichen Temperaturen: Nach einem moderaten klimatischen Einstieg gestern ging das Thermometer heute auf 30 Grad hoch. Von der Luftfeuchtigkeit will ich gar nicht reden. Während mein australienerprobter Bruder noch nicht mal eine kleine Schweißperle auf der Stirn hat, drückt mich die Schwüle auf jede Bank, an der wir vorbeikommen. Gesternnachmittag nickte ich auf den Stufen vorm Sydney Opernhaus ein und muss später sehr orientierungslos in der Obstabteilung des Supermarkts gestanden haben. Heute Morgen verschüttete ich einen kompletten Pott Tee über den Tisch, und im Australian Museum holte ich mir eine Beule an der Stirn, weil ich ein Vitrinenglas übersehen hatte.
So viel zu den Missgeschicken. Erstaunlich, dass ich nebenbei doch einiges von Sydney aufgenommen habe. Mit der Orientierung ist es noch nicht so weit her, und ich bin froh, dass ich auch ans Ziel komme, wenn ich meinem Bruder einfach nachtrotte. Immerhin habe ich mitbekommen, dass sich ein Großteil des Lebens zwischen Central Station im Süden und dem Circular Quai im Norden, eingerahmt von der Harbour Bridge links und dem Opernhaus rechts, abspielt. Die Stadt ist quirlig und kompakt, aber bei weitem nicht so molochartig wie ich bei vier Millionen Einwohnern vermutet hatte. Es gibt die unvermeidlichen giftshops mit jedem erdenklichen Kitsch, diverse fastfood-Läden, einige skyscraper im Kontrast zu steinverklinkerten Gebäuden im viktorianischen Stil. Ein paar Palmen natürlich fürs Flair und erstaunlich viel Grün. Hätte ich die Augen offen halten können, wäre der heutige Spaziergang durch den Royal Botanic Garden sicher noch entdeckungsreicher gewesen. Ich könnte mich jedes Mal totwundern über Vogelarten, die es in Deutschland nur im Zoo gibt, und die hier ganz selbstverständlich ins Stadt- bzw. Parkbild gehören. Muss mich sehr beherrschen, nicht jeden zu fotografieren.
In Sydney bleiben uns noch drei Tage – die auch ausreichen werden. Dann sind wir beide ganz froh, das Stadtgetümmel (inklusive des kuscheligen Zehnbettzimmers im Hostel) hinter uns lassen  und uns auf den Weg in die Landschaft machen zu können. Heute haben wir dazu einen Camper gemietet, den wir am Dienstag voll packen und mit dem wir anschließend 20 Tage unterwegs sein werden, mit Ziel Melbourne aber geplanten Abstechern in alle Himmelsrichtungen zum Sightseeing, Wandern, Baden und natürlich Faulenzen. Wahrscheinlich wird uns die Reise fürs erste ein Stück ins Landesinnere, in die Blue Mountains, führen.
Gestern kam übrigens eine SMS von unseren Eltern aus dem Erzgebirge. Dort hatte es über Nacht den ersten Schnee (!) gegeben. Das übersteigt im Moment meine Vorstellungskraft.

Yvonne

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Karin Oktober 31, 2008 um 17:01

Gute Reise euch beiden! …und für uns zu Hause bitte ein paar Berichte!
Karin

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Robin November 2, 2008 um 07:27

Tja, wir sind hier zum Glück weit entfernt von Schnee 🙂
An den Berichten versuche ich dranzubleiben, aber irgendwie werde ich immer fauler 😉

Robin

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