Viel Platz, wenig Stadt

Canberra ist eine merkwürdige Stadt. Auf jeden Fall ist sie nicht für Fußgänger gemacht. Nachdem ich gestern nach der Ankunft noch optimistisch eingeschätzt hatte, dass man sich alle Sehenswürdigkeiten locker erlaufen kann, musste ich das am Abend gründlich revidieren. Alle Wege sind ewig lang, und Fußwege gibt es auch nur in begrenztem Maß. Laufen ist hier einfach nicht vorgesehen. Ein Stadtzentrum existiert nicht (von der Shopping Mall mal abgesehen) und alles wirkt ziemlich versprengt. Kaum zu glauben, dass hier überhaupt 300.000 Menschen leben sollen, besteht die Stadt doch im Wesentlichen aus Wald. „Canberra is beautyful“ sagt das Orakel dazu. „It has a lot of space and green.” Ich finde das eher unwirtlich, aber das ist wohl Geschmackssache. Jedenfalls waren wir nach unserem samstäglichen Gewaltmarsch heute größtenteils mit dem Auto unterwegs.
Der erste Weg führte uns gestern ins National Museum, das mir sowohl vom Orakel als auch von einem Australien-Kenner (danke, Sascha!) empfohlen worden war. Allein die Architektur des Gebäudes ist spektakulär, und in den Ausstellungen habe ich in kurzer Zeit enorm viel über den Kontinent gelernt. Das Museum ist vergleichsweise neu, und dementsprechend sind Ausstellungsarchitektur und Präsentationsmethoden auf dem neusten Stand. Wissenswertes über Natur, Geschichte und Menschen wird aus einem ganzheitlichen Blickwinkel vermittelt – gleichermaßen phantasievoll und einprägsam wie angenehm unaufdringlich und sachlich.
Anschließend reichte unsere Kraft noch, um uns bis zum Australien War Memorial zu schleppen (fast eine Stunde Fußmarsch über schnurgerade Boulevards), wo uns allerdings punkt fünf die Tür vor der Nase zugeschlossen wurde. Auf dem Rückweg zum Auto hielten wir Ausschau nach einem Japaner (ich hatte mir Sushi in den Kopf gesetzt), fanden statt des erwarteten Stadtzentrums die schon erwähnte Shopping-Mal mit schönen aber bereits geschlossenen Foodcourts und erst kurz vorm Parkplatz doch noch die heiß ersehnte Sushi-Bude. Für Samstagabend war die Stadt erstaunlich ausgekehrt.
Heute begann der Tag mit einem Besuch im Parliament House auf dem Capital Hill, der uns ein wenig mit Canberra versöhnte. Wir hatten eine hervorragende Führung (die Dame sprach im Gegensatz zur Mehrheit der Australier nicht so, als hätte sie heiße Kartoffeln im Mund, und war daher hervorragend zu verstehen), bestaunten die außergewöhnliche Architektur und die durchdachte Formsprache und hatten vom Dach des Parlaments noch einen 360-Grad-Blick über die Hauptstadt. Auch von oben war nicht viel mehr zu sehen als hier und da ein paar monumentale Gebäude in ausgedehntem Grün. Dazu zählt auch der Old Bus Depot Market, über den wir anschließend schlenderten, um Kunstgewerbe und diverse Köstlichkeiten zu begutachten.
Während Robin sich einen ruhigen Nachmittag gönnte, zog es mich ins Kino, denn ausgerechnet während unseres Besuchs lief das Canberra International Film Festival, dem ich nicht widerstehen konnte. Zu meinen Hauptstadteroberungen gehört neben der Kinokarte außerdem ein Kochbuch mit viel versprechenden Rezepten australischer Weihnachtsmenüs (einigen von Euch wird sich der tiefere Sinn dieser Botschaft sicher erschließen).
Jetzt haben wir genug gesehen von der Hauptstadt und verlassen Canberra morgen gen Süden in Richtung der Snowy Mountains. Der Himmel ist blau, die Wettervorhersage verspricht Temperaturen im oberen 20er Bereich, sodass wir guter Dinge sind, übermorgen den höchsten Berg Australiens (etwa 2.200 Meter) besteigen zu können. Bedauerlich ist nur, dass wir dann wieder auf den lokalen Radiosender verzichten müssen, der für sein Programm mit dem Slogan wirbt: „The most fun you can have with your clothes on.“

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