„The Top End“ - weit im Norden von Australien gelegen, erreichten wir kurz nach 18 Uhr. Wir wählten den Shady Glen Caravan Park, direkt am Stuart Highway und ca. 10 min vom Zentrum Darwins entfernt als Schlafplatz aus.
Die Preise waren gesalzen: $40,50 für 3 Personen pro Nacht. Die Zeltplätze lagen ca. 20 Meter neben dem Highway, nur durch einen Zaun von der Straße abgegrenzt. Auf der anderen Straßenseite lag der Flughafen von Darwin, von dem regelmäßig große und kleine Flugzeuge starteten und landeten. Kein wirklicher Ort zum Entspannen.
Doch wenigstens ließ der Verkehr sowohl auf der Straße als auch auf dem Flugplatz während der Nacht sehr stark nach, und man konnte wenigstens in Ruhe schlafen.
Am nächsten Tag erkundeten wir die Stadt. Touristen Informationszentrum, Einkaufspassage und Parks. Überall sattes Grün, Palmen und azurblaues Meer. Eine unglaublich saubere und beeindruckende Stadt. Nur eine Handvoll Wolkenkratzer versperren einem die Sicht auf die Innenstadt mit ihren vielen zweistöckigen und hübsch restaurierten Häusern.
Am Abend und in der Nacht pulsiert das Leben entlang der Mitchell Street. Diese lockt mit vielen Bars, Straßencafes, Restaurants und Clubs vor allem Jugendliche an.
Da Darwin im zweiten Weltkrieg ein Angriffsziel der Japaner war, findet man in den öffentlichen Parks viele Gedenkstätten und Geschichtstafeln, die die gefallenen Soldaten ehren und an die damaligen Geschehnisse erinnern sollen.
Die Strände in der Umgebung gehören zu den Schönsten Australiens und laden mit ihren kilometerlangen Sandstränden und unglaublich warmen Wasser zum baden ein. Leider ist dies nur von Mai bis Oktober möglich, da sich zu dieser Jahreszeit die Quallenpopulation in Grenzen hält. Außerhalb dieser Monate ist das schwimmen im Meer verboten.
Die Temperaturen bleiben das ganze Jahr über konstant und die Luftfeuchtigkeit ist mit 90% und höher enorm. In dieser Nähe zum Äquator gibt es nur noch 2 Jahreszeiten - Regenzeit und Trockenzeit. Während der Regenzeit im Sommer entladen sich regelmäßig schwere Gewitterstürme, die großen Schaden anrichten können.
Während wir diese ganzen Eindrücke in uns aufnahmen machten wir uns gleichzeitig Gedanken über die weitere Vorgehensweise. Da wir unbedingt dem Pearling nachgehen wollten und wir wussten, dass es in Darwin die größte Pearling-Agentur gab, führte uns unser Weg zunächst in deren Jobbüro.
Die Dame machte uns aber wenig Hoffnung. Es gäbe zur Zeit nur wenig Arbeit in diesen Bereich. Wir füllten trotzdem die Bewerbungsunterlagen aus und verließen das Gebäude mit gemischten Gefühlen. Wir waren nach Darwin gekommen um auf einer Perlenfarm zu arbeiten, diese hatte aber keine Jobs anzubieten. Was nun?
Unsere Hoffnungen beschränkten sich jetzt auf die drei Jobvermittlungsagenturen in der Stadt, welche wir darauf hin der Reihe nach abgrasen wollten.
Bei der Agentur „Manpower“ begrüßte uns eine Frau: „Hallo Jungs, wie kann ich euch helfen?“. Wir antworteten: „Wir sind Backpacker und suchen nach einem Job“. Sie bemerkte sofort, dass Englisch nicht unsere Muttersprache war und fing daher an langsamer zu sprechen und zusätzlich versuchte sie mit ihren Händen den Inhalt ihrer Sätze klar zu machen.
„Habt ihr ein Auto?“ fragte sie uns und machte mit ihren Händen eine Geste als ob sie ein Lenkrad bewegen würde. „Ja, haben wir“. „Sehr gut“ erwiderte sie mit einem extrem unnatürlich freundlichen Gesichtsausdruck. „Und habt ihr auch Stahlkappenschuhe?“ fragte sie uns, zeigte dabei auf ihre Füße und deutete mit der anderen Hand die Stahlkappen an. „Ja, die haben wir“. „Wundervoll“ antwortete sie.
Eine andere Frau kam dazu, anscheinend war sie zuständig für Leute wie uns. „Diese Jungs suchen nach Arbeit, haben ein Auto und Stahlkappenschuhe“ erklärte sie ihr. Diese setzte auch ein Lächeln auf und hauchte in einer extrem hohen Stimme: „Ooooooohhhh! Das ist ja perfekt“.
Wir fühlten uns wie die letzten Idioten. Keine Ahnung welche Vorstellung die Damen von uns hatten, aber sie behandelten uns wie Kinder.
„Wir suchen noch Leute die am Wochenende die Konzertbühne von Elton John mit aufbauen wollen“ erklärte sie uns. „Ihr arbeitet von 22 Uhr bis ca. 3 Uhr morgens und bekommt dafür $26 die Stunde“. Wir willigten ein. „Wuuunderbar“ erwiderte sie mit einer quietschenden Stimme. „Dafür müsst ihr allerdings ein paar Unterlagen ausfüllen“.
Sie führte uns in einen kleinen Raum und händigte jedem von uns einen Stapel mit Formularen und einen Stift aus. Sie erklärte uns was wir alles machen müssen und verließ den Raum. Wir begannen mit allgemeinen Angaben wie Adresse, Führerschein usw. und arbeiteten uns über Bankangaben, medizinische Fragebögen und Steuerbescheide vor bis zu einem kleinen Quiz über Rechte und Pflichten als Angestellter bei Manpower.
Nach einer Stunde waren wir froh alles erledigt zu haben, denn wie jeder weiß nervt Papierkram extrem. Durch die Klimaanlage froren uns fast die Füße ab, die, wie es in Australien so üblich ist, nur mit Flip Flops bekleidet waren.
Die Frau nahm die Papiere an sich: „Seeeeehr schön, ihr habt es geschafft“ quietschte sie fröhlich. „Ich hab hier noch zwei Videos über Sicherheit am Arbeitsplatz und über das Heben und Transportieren von Gegenständen. Dazu müsst ihr dann auch noch einen Fragebogen ausfüllen, damit wir wissen, dass ihr euch die Videos auch wirklich gut angesehen habt“.
Wir schauten uns gegenseitig an - jeder dachte das Gleiche: Hat sie das wirklich gesagt? Sie drückte uns den Fragebogen in die Hand und legte die DVD ein. Eine weitere Stunde verbrachten wir in der Kälte und mussten uns unglaublich langweilige Vorträge über Arbeitsunfälle und den richtigen Umgang mit schweren Gegenständen anhören. Nebenbei füllten wir den Fragebogen aus.
Endlich entließ man uns. Endlich wieder Sonnenschein, endlich wieder warme Füße. Wir fragten uns ob das jetzt wirklich passiert war und ob es wirklich das Richtige für uns ist. Denn auf die Frage hin, was denn hier der normale Stundenlohn für Backpacker Jobs sei, antwortet sie „ca. $18 bis $20“.
Wir wollten aber endlich richtig Geld verdienen und hatten keine Lust wieder 50 bis 60 Stunden die Woche zu arbeiten, nur damit wir gerade so überleben können ohne uns wirklich mal etwas zu gönnen.
Wir entschieden uns, uns bei den anderen beiden Jobagenturen erst gar nicht einzuschreiben. Wir wussten, dass Darwin uns wahrscheinlich keine bessern Jobs bieten konnte.
Es war der der vierte Tag, wir hatten noch keine Jobs und fragten uns wie es weitergehen sollte. Sicher, in Darwin gab es jede Menge Baustellen und früher oder später würde uns Manpower einen Job dort vermitteln. Aber die Löhne waren zu niedrig und eigentlich wollten wir nur eines - Pearling.
Wir fassten einen Entschluss. Broome ist die Hochburg des Pearling, eine ganze Reihe von Perlenfarmen ist dort ansässig. Wir suchten uns aus dem Internet die Telefonnummern heraus und fragten nach der derzeitigen Situation und nach Jobangeboten.
Im Gegensatz zu Darwin war in Boome gerade Hochsaison, deshalb gab es jede Menge Jobangebote. Am fünften Tag stand es dann fest - wir mussten Darwin verlassen, Broome war unser neuer Anlaufpunkt.
Am nächsten Morgen kurz vor 6 Uhr schallte das Brummen des 3,5 Liter Motors unseres Range Rovers durch die Stille des Campingplatzes. Alle schliefen noch. Wieder machten wir uns auf den Weg. Das Ziel: Broome. Die Entfernung: 1.800 km.
Westküste, wir kommen.